Für Jahre wiederholten Expertinnen und Experten dasselbe Mantra: 19 °C seien die vernünftige, geldsparende, planetenfreundliche Wahl. Dann kamen steigende Energiepreise, neue Gesundheitsdaten, kältere Wohnungen – und viele Menschen drehten den Regler still und heimlich auf 21 °C, wenn niemand hinsah.
Heute bekommt diese alte Regel Risse. Ärztinnen und Ärzte warnen vor kühlen Wohnzimmern und Atemwegsinfektionen. Energiespezialistinnen und -spezialisten sprechen von „smarten Heiz-Zonen“ statt einer magischen Zahl. Auf Social Media streiten Menschen, in Decken gewickelt, tippend mit halb erfrorenen Fingern.
Mitten in all dem Lärm formt sich ein neuer Konsens. Kein Slogan, kein Wundertrick. Eine Spanne. Eine Art zu heizen, die mehr auf den Körper hört als auf die Gasrechnung.
Und ja: Die empfohlene Temperatur ist leise nach oben gewandert.
Der neue „Wohlfühlbereich“, den Fachleute jetzt empfehlen
Wer heute eine moderne Energieberatung besucht oder mit Bauphysikerinnen und Bauphysikern spricht, hört eine andere Geschichte als noch vor fünf Jahren. Statt der alten 19-°C-Linie nennen immer mehr Fachleute einen Komfortbereich: 20 °C bis 22 °C in genutzten Räumen, dazu 16 °C bis 18 °C in Schlafzimmern und selten genutzten Bereichen.
Das hat nichts mit Luxus zu tun. Es geht darum, was in echten Wohnungen passiert – dort, wo Wände schlecht gedämmt sind, Fenster ziehen und Menschen stundenlang sitzen. 19 °C „auf dem Papier“ mögen okay sein. 19 °C in einem zugigen Wohnzimmer aus den 1970ern bedeuten: Der Körper verbrennt still Energie, um gegenzuhalten.
Die neue Empfehlung klingt bescheiden, aber dieses eine zusätzliche Grad kann den Unterschied machen zwischen den ganzen Abend angespannten Schultern und schlicht freiem Atmen.
Gesundheitsbehörden in mehreren europäischen Ländern nennen inzwischen ausdrücklich 20 °C oder sogar 21 °C als gesündere Basis für vulnerable Personen. Das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) empfiehlt zum Beispiel mindestens 18 °C für alle – und wärmer für ältere Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen.
Forschende haben außerdem untersucht, was Menschen tatsächlich tun – nicht nur, was in Flyern steht. In einer Umfrage über Tausende Haushalte lag die durchschnittliche Wohnzimmer-Temperatur im Winter bei rund 21 °C, selbst als offizielle Kampagnen noch 19 °C propagierten.
Klartext: Die 19-°C-Regel hat nie wirklich unsere Thermostate regiert. Sie hat vor allem unser schlechtes Gewissen regiert. Menschen drehten hoch, weil ihnen kalt war – und fühlten sich dann, als hätten sie eine unsichtbare Energieprüfung nicht bestanden.
Auf menschlicher Ebene wurde diese Lücke zwischen „offizieller“ Empfehlung und gelebter Realität in der Energiekrise unmöglich zu ignorieren. Regierungen forderten, die Heizung runterzudrehen, während Ärztinnen und Ärzte mehr Atemwegsprobleme, mehr Feuchtigkeit, mehr Schimmel sahen.
Als Klima- und Public-Health-Forschung zusammenkamen, entstand eine neue Botschaft: Ein etwas wärmeres, stabiles Zuhause kann weniger Krankenhausbesuche, besseren Schlaf und weniger Belastung fürs Herz bedeuten – besonders für ältere Menschen. Ein striktes 19-°C-Ziel wirkte zunehmend ideologisch statt praktisch.
Wie man innerhalb der 20–22-°C-Spanne smarter heizt
Die neue Empfehlung heißt nicht, dass die ganze Wohnung den ganzen Tag bei 21 °C stehen soll wie eine Hotellobby. Die entstehende „Best Practice“ ist differenzierter: 20–22 °C im Hauptwohnraum, wenn man dort ist, 16–18 °C im Schlafzimmer und sanfte Absenkungen, wenn man unterwegs ist.
Denken Sie in Zonen: das Sofa, an dem Sie arbeiten oder fernsehen. Die Küche, wo man sich viel bewegt. Das Schlafzimmer, in dem der Körper für den Schlaf abkühlt. Die Temperatur an die Aktivität anzupassen – dort stecken die echten Einsparungen. Ein Grad weniger in Räumen, die Sie kaum nutzen, kann den zusätzlichen Komfort im Wohnzimmer ausgleichen.
Für viele Haushalte ist das eigentliche Upgrade kein neuer Kessel, sondern endlich zu lernen, wie man das Thermostat nutzt – ohne Angst oder Aberglauben.
An einem nassen Dienstagabend, wenn Kinder am Küchentisch Hausaufgaben machen und jemand eine leichte Erkältung ausbrütet, werden diese Zahlen konkret. Lässt man das Haus auf 18 °C abfallen, um Geld zu sparen? Oder schiebt man auf 21 °C nach, damit alle entspannen und das Husten etwas nachlässt?
Auf dem Papier wirkt die Energieersparnis bei 19 °C verlockend. In der Praxis fühlen sich mürrische, frierende Teenager, die unter Decken im Wohnzimmer campieren, nicht gerade nach „optimaler Energieeffizienz“ an. Und ganz grundsätzlich: Ein Zuhause soll schützen – nicht den Alltag in eine Kälte-Exposure-Challenge verwandeln.
Eine Familie in Lyon (Frankreich) hat ihren Verbrauch genau verfolgt, als sie von einer strikten 19-°C-Politik zu flexiblen 20–22 °C im Wohnzimmer und 17 °C in Schlafzimmern wechselte. Ihre Jahresrechnung stieg um rund 7% – deutlich weniger als befürchtet. Der Gewinn: weniger Erkältungen, weniger Kondenswasser an Fenstern und deutlich weniger Streit über „zieh dir einen Pullover an“.
Technisch betrachtet ist Stabilität der Schlüssel. Die Temperatur jedes Mal stark abzusenken, wenn man für zwei Stunden weg ist, und dann die Heizung aufdrehen, um „aufzuholen“, verschwendet oft mehr, als es spart. Wände, Möbel und Böden wirken wie ein Wärmeschwamm. Sind sie erst einmal richtig kalt, muss der Heizkessel oder die Wärmepumpe viel härter arbeiten.
Energieingenieurinnen und -ingenieure empfehlen daher eher kleine Absenkungen statt große Sprünge: nachts oder tagsüber beim Wegsein 2–3 °C runter – und dann sanft wieder hochfahren. Das passt gut zur 20–22-°C-Komfortspanne: warm genug für die Gesundheit, flexibel genug fürs Sparen.
Praktische Schritte, um das „neue Normal“ zu erreichen, ohne dass die Rechnung explodiert
Starten Sie mit einem Raum: dem Ort, an dem Sie wirklich leben – meist das Wohnzimmer. Stellen Sie das Thermostat für eine Woche auf 20 °C bis 21 °C und fassen Sie es nicht jede Stunde an. Gewöhnen Sie Ihren Körper an Stabilität und achten Sie darauf, wie Sie sich fühlen.
Nutzen Sie dann Thermostatventile an Heizkörpern (diese kleinen Knöpfe mit Zahlen), um andere Räume „einzustimmen“: Schlafzimmer 17–18 °C. Flure und Abstellräume 16–17 °C. Türen schließen, damit Wärme nicht ziellos abwandert. Dieses einfache Zonieren bringt oft mehr als ein halbes Grad weniger im Hauptraum.
Wenn Sie ein smartes Thermostat haben, testen Sie kleine Absenkungen: nachts 2 °C runter, morgens langsam anheben. Denken Sie in sanften Rampen, nicht in Achterbahnen.
Menschlich ist der schwierigste Teil oft die Verhandlung im Haushalt. Eine Person „kocht“, die andere friert immer. Jemand hat jeden Energiespar-Thread auf Reddit gelesen, jemand anders will einfach seine Zehen spüren.
Hier hilft ein gemeinsamer Rahmen. Statt „du stellst es immer zu hoch“ lieber: „Wir peilen 20–21 °C im Wohnzimmer an, aber wenn jemand krank ist oder stundenlang still sitzt, sind 22 °C okay.“ Klingt simpel – senkt aber die emotionale Temperatur, während es die Lufttemperatur anhebt.
Seien wir ehrlich: Niemand macht das jeden Tag perfekt. Es gibt Abende, an denen man nach dem Pendeln einfach hochdreht, oder Sonntage, an denen der Backofen die halbe Heizleistung übernimmt. So ist das Leben. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern die Durchschnittsbedingungen in einen gesünderen Bereich zu bringen, ohne die Kontrolle über die Kosten zu verlieren.
„Wir müssen aufhören so zu tun, als wäre 19 °C eine magische moralische Grenze“, sagt eine Fachperson für Gebäude- und Wohngesundheit. „Für viele Menschen – besonders Kinder, ältere Erwachsene oder Personen mit Herz- und Lungenproblemen – sind 21 °C im Hauptwohnraum kein Luxus. Das ist eine Grundbedingung, um im Winter gesund zu bleiben.“
Damit diese Zahlen alltagstauglich werden, helfen ein paar einfache Anker:
- Wohnzimmer / Homeoffice: 20–22 °C, wenn genutzt.
- Schlafzimmer: 16–18 °C, etwas wärmer für Babys oder gebrechliche Erwachsene.
- Kurze Abwesenheiten (unter 24 h): 2–3 °C absenken, nicht mehr.
- Längere Abwesenheiten: mindestens 14–16 °C, um Feuchtigkeit und eingefrorene Leitungen zu vermeiden.
- Bei 20 °C immer noch kalt? Erst an Zugluftschutz und Teppiche denken, bevor Sie dem Thermostat die Schuld geben.
Wir kennen alle diesen Moment: Man schaut auf die Rechnung, schaut auf den Thermostat und fragt sich, was man eigentlich schützen soll. Die Wahrheit ist: Kleine physische Anpassungen – dickere Vorhänge, Zugluft abdichten, ein Teppich auf Betonboden – können sich manchmal anfühlen, als käme „ein Grad“ dazu, ohne die Zahl tatsächlich zu verändern.
Warum diese neue Spanne unsere Sicht auf das Zuhause verändert
Der Wechsel von einem einzigen 19-°C-Ziel zu einer 20–22-°C-Komfortspanne ist nicht nur technisch. Er verändert, wie wir über unsere Wohnungen denken – und darüber, was ein „guter Bürger“ im Winter tun soll. Heizen hört auf, ein Moraltest zu sein, und wird zu einem Balanceakt.
Wenn Expertinnen und Experten zugeben, dass die meisten Menschen um 21 °C herum gesünder sind und sich wirklich wohler fühlen, wirkt das Gespräch plötzlich ehrlicher. Man kann über Dämmung, Sozialtarife und smarte Steuerung reden, ohne zu behaupten, Frieren im Wohnzimmer sei eine Art ökologischer Heldentat.
Es zwingt uns auch, Ungleichheit anzuschauen. Eine gut gedämmte Wohnung fühlt sich bei 20 °C gemütlich an. Ein feuchtes, schlecht gedämmtes Haus kann sich bei derselben Einstellung kalt und klamm anfühlen. Zwei Haushalte, gleiche Thermostatzahl, völlig unterschiedliche Realität. In dieser Lücke muss Politik eingreifen – nicht nur persönlicher Wille.
Ein offenes Geheimnis in der Energiewelt ist: Menschen reagieren besser auf Spannen als auf Befehle. „Versuchen Sie, Ihren Hauptraum zwischen 20 und 22 °C zu halten“ klingt weniger nach Anordnung und mehr nach Einladung zum Ausprobieren. Dieser kleine psychologische Shift führt oft zu besseren Entscheidungen als strenge Regeln, die ohnehin niemand konsequent befolgt.
Dazu kommt eine kulturelle Ebene. In manchen Ländern sind 23–24 °C drinnen im Winter noch verbreitet – fast ein Statussymbol. In anderen galt 19 °C als robust und vernünftig. Die neue gesundheitsbasierte Orientierung landet dazwischen und stellt eine knifflige Frage: Was bedeutet Komfort für Sie wirklich?
Vielleicht verbreitet sich diese Debatte deshalb so leicht in sozialen Medien. Sie trifft Geldbeutel und Körper zugleich. Menschen posten Screenshots ihrer smarten Thermostate, streiten in den Kommentaren, teilen Hacks und Reue. In diesen chaotischen Threads sieht man bereits einen stillen Konsens: Die Ära der heiligen 19 °C verblasst.
Das entstehende Bild ist nuancierter, menschlicher. Warm genug, um zu entspannen. Kühl genug, um zu sparen und den Planeten zu respektieren. Flexibel genug, um sich anzupassen, wenn jemand im Haushalt krank oder verletzlich ist. Keine heroische Selbstkasteiung, kein gedankenloses „ich baller die Heizung einfach“, sondern ein täglicher Tanz mit dieser kleinen leuchtenden Zahl an der Wand.
Wenn Sie das nächste Mal am Thermostat vorbeigehen und dieses Stechen von schlechtem Gewissen spüren, weil Sie 21 °C gewählt haben: Die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt, die Empfehlungen haben sich verschoben – und Ihr Komfort ist nicht der Feind verantwortungsvollen Heizens. Die eigentliche Frage lautet nicht mehr „Versage ich, wenn ich 19 °C aufgebe?“, sondern: „Wie gestalte ich ein Zuhause, das alle warm und gesund hält – und bei dem man noch atmen kann, wenn die Rechnung kommt?“
| Schlüsselpunk | Detail | Nutzen für die Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Neuer empfohlener Bereich | 20–22 °C in Wohnbereichen, 16–18 °C in Schlafzimmern | Realistisches, gesundheitsbasiertes Ziel statt der veralteten 19-°C-Regel |
| Heizen in Zonen | Unterschiedliche Temperaturen je nach Raum und Tageszeit | Mehr Komfort bei begrenztem Einfluss auf die Energierechnung |
| Stabilität statt Extreme | Kleine Absenkungen (2–3 °C) statt großer täglicher Temperatursprünge | Weniger Energieverschwendung; Wände und Möbel bleiben angenehm temperiert |
FAQ:
- Gilt 19 °C jetzt als zu kalt? Nicht immer, aber viele Fachleute sehen 19 °C inzwischen eher als untere Komfortgrenze statt als Hauptziel – besonders in älteren oder zugigen Wohnungen und für vulnerable Personen.
- Welche Temperatur empfehlen Ärztinnen und Ärzte fürs Wohnzimmer? Die meisten Gesundheitsstellen nennen heute etwa 20–21 °C für allgemeinen Komfort und bis zu 22 °C für ältere Menschen, Kranke oder Personen mit Herz- und Lungenproblemen.
- Erhöht +1 °C am Thermostat meine Rechnung massiv? Im Durchschnitt kann jedes zusätzliche Grad die Heizkosten um etwa 5–7% erhöhen – aber Zonierung und kleine Nachtabsenkungen können vieles davon ausgleichen.
- Ist es gesünder, in einem kalten Schlafzimmer zu schlafen? Ein etwas kühlerer Raum (16–18 °C) unterstützt oft guten Schlaf – solange Bettzeug und Nachtkleidung warm genug sind und der Raum nicht feucht oder zugig ist.
- Was, wenn sich 21 °C immer noch kalt anfühlen? Prüfen Sie Zugluft, dünne Vorhänge, nackte Böden und kalte Wände; Verbesserungen dort können die gefühlte Wärme erhöhen, ohne das Thermostat höher zu drehen.
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